Film // The King´s Speech

Manche Adlige genießen es sichtlich, in der Öffentlichkeit zu stehen, andere dagegen leiden Zeitlebens unter den unseligen Verpflichtungen, die mit dem blauen Blut, das durch ihre Adern fließt, verbunden sind. In die zweite Kategorie fällt ohne jeden Zweifel Prinz Albert von York – schon von Kindesbeinen an muss der arme Bertie die Schikanen seines älteren Bruders David und seines dominanten Vaters König George V. erdulden. Nicht ohne Folgen: Der kränkliche Bertie wächst zu einem unsicheren Mann heran, der, sobald er das Wort an eine größere Menschenmenge richtet, zu einem stotternden Nervenbündel wird.

Da solch eine Schwäche für ein Mitglied des Königshauses natürlich absolut unangebracht ist, fährt die Familie allerlei Experten auf, die Bertie mit diversen zweifelhaften Methoden (Rauchen, um die Lungen zu entspannen!) das Stottern abgewöhnen sollen – dass alle Mühen ohne Erfolg bleiben, versteht sich von selbst. Erst als Elizabeth, die Ehefrau des Prinzen (und später vor allem als Queen Mum bekannt) den selbsternannten Sprachtherapeuten Lionel Logue, kauziger Australier und gescheiterter Shakespeare-Darsteller, auftut, stellen sich langsam leichte Verbesserungen ein.

Gerade dann folgt aber schon der nächste schwere Rückschlag für den gebeutelten Bertie. Der alte König stirbt, sein Bruder verzichtet nach kurzer Amtszeit auf den Thron, um eine geschiedene Amerikanerin heiraten zu können und aus Bertie wird praktisch über Nacht König George VI., der sein Volk in einer großen Rede auf den Krieg gegen Nazi-Deutschland einstimmen muss…

„The King´s Speech“ bringt mich tatsächlich in ein kleines Dilemma. Nachdem ich vor einem Monat lautstark gefordert habe, sämtliche Oscars in den wichtigsten Kategorien an „Black Swan“ zu verleihen, bin ich mir angesichts des doch sehr guten Königshaus-Biopics von Tom Hooper und des sicher ebenfalls ganz grandiosen „True Grit“ (startet übermorgen in den Kinos) gar nicht mehr so sicher, wem ich die Daumen drücken soll.

Unbedingt preisverdächtig erscheinen mir auf jeden Fall die Leistungen von Colin Firth als stotternder Prinz und späterer König, der mit einer herrlichen Leidensmine durch den gesamten Film läuft und in seiner schwersten Stunde über sich hinauswächst, und – beinahe noch besser – Geoffrey Rush. Letzterem möchte ich gerne die mit Abstand beste schauspielerische Leistung unterstellen, die ich seit Jahren gesehen habe. Allein die Mimik und der süffisante Witz (König: „Wie kann ich Ihnen jemals dafür danken?“ – Lionel: „Ritterstand?“) – einfach wunderbar!

Sollte Geoffrey Rush am Sonntag jedenfalls nicht mit einem Oscar nach Hause gehen, fühle ich mich gezwungen, den alten Goethe zu bemühen und ein von Herzen kommendes „Die Akademie möge mich im Arsche lecken!“ gen Los Angeles zu rufen…

The King´s Speech
USA/GB 2010 | R Tom Hooper | B Dave Seidler | K Danny Cohen | M Alexandre Desplat | D Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter, Guy Pearce | 118 m.

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