Buchtipp: Marc Buhl – „Das Paradies des August Engelhardt“

Worum gehts? Robinsonade mal anders: Der aus Nürnberg stammende August Engelhardt strandet zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht unfreiwillig auf der Insel Kabakon, sondern hat sich aus freien Stücken für ein naturnahes Leben auf dem zur deutschen Kolonie Neuguinea gehörenden Eiland entschieden. Die Zwänge des Kaiserreichs sind ihm ebenso wie das nasskalte Wetter im dunklen Deutschland zuwider. Am Rande der Zivilisation aber kann der Nudist, Vegetarier und Sonnenanbeter ein selbstbestimmtes Dasein führen, das in erster Linie aus Grübeln, Lesen und Nichtstun besteht. Mit der Zeit entwickelt August Engelhardt eine Art Religion, bei der zunächst der Kokovorismus, also die ausschließliche Ernährung in Form von Kokosnüssen, später die wahnhafte Idee, komplett auf Nahrung zu verzichten und seine Kraft nur aus den Strahlen der Sonne zu beziehen, im Mittelpunkt steht.

Angelockt von den euphorischen Briefen des Dirigenten und Engelhardt-Jüngers Max Lützow finden sich schon bald knapp zwei Dutzend „Nacktgeher, Fruchtesser, Militärflüchtlinge, Yogaübende, Gottsucher, Sozialisten, Körperbildner, Atemlehrer, Ausdruckstänzerinnen, Turner, Naturheilkundler, Selbstreformer, Gesellschaftsreformer, Genossenschaftler, Makrobiotiker“ und allerlei andere Utopisten auf Kabakon ein, die den Idealen des messianisch verehrten August Engelhardt folgen wollen, was schon bald zu gehörigen Problemen führt, denn preußischer Gehorsam und die totale Freiheit passen nicht wirklich gut zusammen…

Wie liest sich das? Marc Buhl hat für seinen Roman die Lebensgeschichte des Sektengründers ein wenig geglättet, vereinfacht und an einigen Stellen ausgeschmückt, so dass sich „Das Paradies des August Engelhardt“ nicht wie eine spröde Biographie liest, sondern stets spannend, unterhaltsam und teils philosophisch. Bemerkenswert auch, dass der Autor seinen Protagonisten nicht als den geisteskranken Wirrkopf hinstellt, für den er später oft gehalten wurde, sondern sich ihm immer wertfrei, manchmal sogar sehr liebevoll nähert, ohne dabei die teils doch recht verworrenen und eigenartigen Ansichten des frühen Hippies außer Acht zu lassen.

Was lernen wir daraus? Selbst die beste Idee ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt, wenn die Zeit dafür noch nicht reif ist und die Rahmenbedingungen nicht passen. Und: Selbst auf einer noch so weit entfernten Südseeinsel bleiben Deutsche immer Deutsche.

Marc Buhl
Das Paradies des August Engelhardt
Eichborn Verlag, März 2011
240 Seiten, € 18,95
ISBN 978-3-8218-6148-7

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s