Gelesen: Oliver Uschmann – Überleben auf Festivals

Obwohl in den letzten Tagen der Winter noch einmal für eine kleine Stippvisite zu Besuch war, ist klar: Der Sommer und die damit verbundene Festivalzeit nahen unaufhaltsam und mit großen Schritten. Letzteres erkennt man vor allem daran, dass uns nun wieder täglich Dutzende Newsletter, Tweets und andere Aktualisierungen auf allen Kanälen darüber in Kenntnis setzen, welche Bands wo bestätigt wurden, wo es noch letzte Frühbuchertickets zu erstehen gibt und auf welchem Festival mittlerweile Schicht im Schacht ist.

Stehen die ersten größeren Festivals dann schließlich unmittelbar vor der Tür, wiederholt sich ein anderes, weitaus unschöneres Ritual. Nahezu jede Lokalzeitung, die auch gerne einmal die junge Leserschaft ansprechen möchte, beauftragt bedauernswerte Volontäre und Praktikanten damit, für die Jugendseite der Postille ein launiges Festival-ABC oder eine Typologie der Festivalbesucher zu verfassen. Meist werden die Artikel in nur leicht veränderter Fassung aus dem Vorjahr übernommen, so dass am Ende eine Art Perpetuum mobile des klischeehaften Schwachsinns entsteht. Angesichts eines Buches wie „Überleben auf Festivals. Expeditionen ins Rockreich“ (Heyne Hardcore, 12,99 Euro) stellt sich natürlich die Frage, ob man diesen Quatsch unbedingt auf mehr als 350 Seiten ausdehnen muss. Die überraschende Antwort: Man muss nicht, aber man kann. Oliver Uschmann, Schöpfer des „Hartmut und ich“-Universums und seit vielen Jahren als Autor für Musikmagazine und Fanzines unterwegs, geht nämlich unglaublich akribisch und detailverliebt zu Werke und lässt vom 1er-Zelt über den 90er-Jahre-Kinnbart bis hin zu Dosenravioli und Cabanossi absolut nichts unbeachtet.

Selbstverständlich zünden nicht alle der vielen Einzelkapitel, aber gerade die sehr gelungene Beschreibung der unterschiedlichen Musiker-Typen, der teilweise herrlich pseudowissenschaftliche Tonfall inklusive der Erfindung von Forschungseinrichtungen wie dem Institut für ausgediente Wirtschaftsgüter (IfaW) in Gierstädt/Kleinfahner und große Erkenntnisse wie „Der Mensch muss seine Hände benutzen. Der Mensch muss rennen, klettern und bauen. Festivalbesucher wissen das. Sie sind noch näher am Ursprung als ihre Kollegen aus dem PR-Büro, die glauben, die ganze Welt sei virtuell geworden, weil sie nachts um drei Uhr im Internet Pizza bestellen können. Festivals simulieren das alte Leben“, machen „Überleben auf Festivals“ zu einer ebenso kurzweiligen wie lustigen Lektüre und einem unverzichtbaren Nachschlagewerk für alle Festivalfreundinnen und -freunde.

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