Monat: Februar 2015

Locas In Love: Use Your Illusion 3&4

Locas In Love

Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass jede ordentliche Rockband irgendwann in ihrer Karriere ein Doppelalbum veröffentlichen muss. Bei Locas In Love, der nach wie vor besten Indie-Formation des Landes, ist es nun also so weit und weil die Kölner keine halben Sachen machen, knüpft „Use Your Illusion 3&4“ zumindest vom Titel her nahtlos an jenes Werk an, mit dem Guns N‘ Roses vor beinahe einem Vierteljahrhundert endgültig in den Größenwahn abdrifteten. Ähnliches ist bei Stefanie Schrank, Björn Sonnenberg, Jan Niklas Jansen und Saskia von Klitzing selbstredend nicht zu befürchten und ausladende Pathos-Balladen im Stile von „November Rain“ finden sich auch nicht auf den beiden Alben, von denen eines instrumental gehalten ist und verschiedene Kölner Orte, Straßen und Plätze irgendwo zwischen Kraut- und Post-Rock vertont.

Herzstück von „Use Your Illusion 3&4“ ist aber natürlich die „Platte mit den Texten“. Da knüpfen Locas In Love in bewährter Manier an ihre früheren Werke an und verhandeln die großen und kleinen Fragen des Daseins (die mit einem lakonischen „wer weiß, wer weiß, wer weiß, vielleicht, vielleicht vielleicht“ abgehandelt werden), die Widrigkeiten der Liebe, nagende Selbstzweifel und das diffuse Gefühl, im Leben nicht so recht von der Stelle zu kommen, stets ein wenig klüger und gewitzter als die meisten anderen Bands. Ein wenig Gesellschaftskritik wie im drängenden Opener „Blackbox“ darf nicht fehlen, ebenso wenig wie allerlei popkulturelle Referenzen an Palais Schaumburg („Wir bauen eine neue Stadt“) oder die Smiths („Da ist ein Licht“), und auch der immer wieder gerne erwähnte „Martin“ hat in „Neue Sachen“ einen kleinen Gastauftritt:

Martin ist jetzt Lehrer
überhaupt sind ganz schön viele jetzt Lehrer
oder in irgendwelchen Agenturen oder Büros
und werden Eltern

Große Klasse ist das ebenso melancholische wie eingängige „Durch die Dunkelheit“, in dem es heißt:

Ich weiß, wir alle straucheln, wir alle fallen, wir alle scheitern
doch ich gewöhn‘ mich nicht daran
es wird einfach nicht leichter
wir stolpern alle durch die Dunkelheit

Dort und im ebenso grandiosen, beinahe hymnischen „Teenager“, in dem Björn Sonnenberg feststellt, seit nunmehr zwanzig Jahren nach den Denkmustern eines Teenagers zu handeln („ich warte einfach nur, bis etwas passiert / ich warte auf etwas, das mich interessiert“) wird zudem besonders deutlich, dass Locas In Love nicht nur mit ihren Texten auf der Höhe ihres Schaffens angekommen sind, sondern in musikalischer Hinsicht ebenfalls noch einmal einen ganzen Schritt nach vorne gemacht haben und dank großzügigem Streicher- und Bläsereinsatz streckenweise stark an The National erinnern. Höchste Zeit also, dass man die Band auch dafür liebt und nicht allein wegen des großen Verdiensts, dass sie einen schon so lange begleiten und das Leben ein wenig erträglicher gestalten.


Locas In Love: Use Your Illusion 3&4. Warner Music, erscheint am 20. Februar.- Konzerte: 26.2. Oberhausen — Druckluft, 27.2. Köln — Gebäude 9, 20.3. Düsseldorf — Pitcher, 21.3. Stade — Hanse Song Festival, 19.4. München — Milla, 20.4. Berlin — Monarch, 21.4. Jena — Café Wagner, 23.4. Hamburg — Thalia Theater, 24.4. Frankfurt — Das Bett, 25.4. Dortmund — Sissikingkong.

Michael Feuerstack: The Forgettable Truth

Michael Feuerstack

Bei manchen äußerst populären Kunstschaffenden stellt man sich unweigerlich die Frage, worin eigentlich der Ursprung ihres Ruhms begründet liegt. Bei Michael Feuerstack verhält es sich dagegen genau umgekehrt. Seit mehr als 20 Jahren ist der Kanadier aus der Musikszene seiner Wahlheimat Montreal nicht mehr wegzudenken und hat unter seinem langjährigen Bühnennamen Snailhouse, als Mitglied von Bands wie den Wooden Stars, dem Belle Orchestre und den Luyas sowie als Kollaborateur unzähliger weiterer Künstler sowohl in Sachen Quantität als auch Quantität Beachtliches geleistet. Ein großer Star ist der Mann mit dem schütteren Haar dennoch nicht, aber das scheint ihm auch ganz recht zu sein, hat er es sich in seiner Nische doch äußerst bequem gemacht.

„The Forgettable Truth“, das zweite Solo-Album, das Michael Feuerstack unter seinem eigenen Namen veröffentlicht, knüpft dementsprechend auch an Bewährtes und Liebgewonnenes an. Die Stimme so schmeichelnd wie eh und je, die Songs irgendwo zwischen entspanntem, manchmal fast zeitlupenhaften Songwritertum und verspultem Indie-Rock — so lässt sich „The Forgettable Truth“ in wenigen Worten zusammenfassen. Sehr schön ausgefallen sind dabei vor allem die Stücke, bei denen der Violinist Sebastian Chow Schützenhilfe leistet, besonders das gemächlich-melancholische „Clackity Clack“ und der berührende „Talking Blues“.


Michael Feuerstack: The Forgettable Truth. Forward Music Group, erschienen am 6. Februar.- Konzerte: 21.2. Köln — Weltempfänger, 22.2. Offenbach — Hafen 2, 23.2. Leipzig — Handstand und Moral, 24.2. Kassel — Nordstadt Palast, 25.2. Hamburg — Astra Stube, 26.2. Berlin — Schokoladen, 28.2. Hannover — Oberdeck.

Musiktipps zum Wochenende (1)

Diesmal mit The Lone Bellow, den Great Lake Swimmers und The Late Call

The Lone Bellow

♠ Bereits für ihr Debütalbum wurden The Lone Bellow aus Brooklyn vor allem in ihrer Heimat mit Kritikerlob überschüttet, das seit gestern bei uns erhältliche, von Aaron Dessner (The National) produzierte Zweitwerk dürfte der Band nun den ganz großen Durchbruch bringen. Zu Recht, denn opulenter und abwechslungsreicher als „Then Came the Morning“ (Sony Music) kann eine Americana-Platte eigentlich kaum angelegt werden. Das pastorale Titelstück, bei dem Sänger Zach Williams den Van Morrison gibt, ist ein perfekter Einstieg, danach geben sich Folk-Balladen (besonders schön: „Telluride“), Druckvolles wie aus dem Frühwerk von Arcade Fire („Take My Love“) und nach vorne stürmender Rock’n’Roll („Heaven Don’t Call Me Home“) die Klinke in die Hand. Alles gewürzt mit satten Bläsern, Gospelchören und stets so sehr nach Perfektion strebend, dass man sich hier und da doch ein wenig mehr Zurückhaltung wünscht — schließlich sind die Songs des Trios stark genug, um auch ohne Hochglanzpolitur zu überzeugen (siehe unten). Trotzdem: Gutes Album!


♠ Bis „A Forest of Arms“ (Nettwerk Records), das neue Album der Great Lake Swimmers, am 24. April erscheint, müssen wir uns noch ein ganzes Weilchen gedulden, aber die Wartezeit scheint sich zu lohnen: Das vorab veröffentlichte „Zero in the City“ mit seinen hervorragenden Streichersätzen und Tony Dekkers nach wie vor sehr einnehmender Stimme macht zumindest schon einmal einen sehr vielversprechenden Eindruck. Dass die Platte zudem teilweise in einer Tropfsteinhöhle eingespielt wurde, darf als zusätzlicher Pluspunkt gewertet werden.


♠ Kurz vor den Great Lake Swimmers, nämlich am 10. April, veröffentlicht Johannes Mayer alias The Late Call sein viertes Album „Golden“ (Tapete Records). Ein paar Live-Termine stehen bereits fest:
21.03. Stade — Hanse Song Festival
06.05. Kiel — Schaubube
07.05. Hamburg — Nachtasyl
08.05. Köln — Wohngemeinschaft
09.05. Mainz — Wohnzimmer @ Schon Schön
12.05. Regensburg — Buchhandlung Dombrowsky
14.05. Aachen — Raststätte